Kundgebung 3/07


Stadtradio Göttingen:

Linke demonstrieren für selbstverwaltete Wohnheime

Dienstag, 03 Juli 2007

Über 50 Bewohner von selbstverwalteten, linken Studentenwohnheimen haben heute Mittag in den Göttinger Mensen gegen die geplante Kündigung ihrer Mietverträge demonstriert.

Mit einem Megaphon und Transparenten zogen sie durch die Speisesäle, verteilten Flugblätter und kritisierten, das Studentenwerk als Hausbesitzer wolle die letzten selbstverwalteten Wohnheime in Göttingen abschaffen. Betroffen seien Häuser in der Roten Straße, in der Gotmarstraße und im Kreuzbergring. Die Aktion war Teil der sogenannten „Here to stay“-Kampagne, mit der zur Zeit über 100 Bewohner der betroffenen Wohnheime gegen Pläne des Studentenwerks protestieren, die bisherigen Kollektivmietverträge zu kündigen und Wohnzeitbegrenzungen einzuführen. Diese Maßnahmen laufen nach Ansicht der Demonstranten auf ein Ende der Selbstverwaltung hinaus. Die Sprecherin der „Here-to-stay“-Kampagne, Hannah Ehlers sagte, die selbstverwalteten Wohnprojekte trügen zur kulturellen Vielfalt in Göttingen bei. Die derzeitigen Mietverträge gelten seit 1977 und ermöglichen es den Bewohnern, selbst zu entscheiden, wer in die Häuser einziehen und wie lange er dort wohnen kann. Durch dieses Verfahren entwickelten sich die Wohnheime zu kulturellen und politischen Zentren der Göttinger Linken Szene.

Rote str. & Burgstr. Gotmarstr. Kreuzbergring Goßlerstr.

Here to stay

Here to stay

Here to stay

Das Studentenwerk rückt selbstverwalteten Häusern auf die Pelle

In den letzten Jahren wurden, Schritt für Schritt, selbstverwalteten Häusern, die dem Studentenwerk gehören, die bestehenden Mietverträge gekündigt, um sie in typische anonyme Wohnheime mit Einzelmietvertägen und Wohnzeitbeschränkung umzuwandeln. Betroffen davon waren bisher vor allem Häuser im Kreuzbergring und der Goßlerstraße. Nach Aussage von Angestellten der Stiftung Studentenwerk Göttingen, die für die Verwaltung der Wohnheime zuständig sind, sollen noch in diesem Jahr alle Wohnheime mit sogenannten Kollektivmietverträgen und ohne Wohnzeitbegrenzung umstrukturiert werden. Die alten Mietverträge sollen gekündigt werden und dann für jeden Wohnplatz Einzelmietverträge mit Wohnzeitbegrenzung vereinbart werden.
In Göttingen existieren seit nunmehr über 30 Jahren selbstverwaltete Wohnhäuser. Für diese Objekte bestehen seit Ende der 70er Jahre Mietverträge für die jeweiligen Wohnprojekte, die in Form von privaten Vereinen oder Gesellschaften eigenverantwortlich verwaltet werden. Diese Mietverhältnisse sind das Ergebnis von Konflikten und Verhandlungen um die ehemalige Besetzung dieser Häuser. Dem entgegen behauptet das Studentenwerk in seiner Eigenwerbung, mit der Einrichtung von Wohnplätzen in der Roten Straße eine Sanierung der Gebäude durchgesetzt zu haben und so zum Erhalt des Stadtbildes beigetragen zu haben. Der damalige Konflikt um die Initiative der BesetzerInnen dieser Gebäude wird dabei vollständig verschwiegen. Ohne deren Kampf wäre es gar nicht zur Einrichtung von Wohnplätzen in der jetzt bestehenden Form gekommen. Nur aufgrund der Entschlossenheit der damaligen BewohnerInnen konnten die noch heute bestehenden Mietverträge abgeschlossen werden. Im Jahr 1977 beabsichtigte das Studentenwerk, Einzelmietvertäge abzuschließen. Dagegen wurde mit einer erfolgreichen Kampagne vorgegangen, so dass die Verwaltung der Gebäude in den Händen der BewohnerInnen blieb. Eine kollektive Wohnkultur mit Auswirkungen auf das gesamte politische und gesellschaftliche Leben in Göttingen konnte entstehen.
Die linke Szene, wie sie derzeit in Göttingen vorzufinden ist, mit ihren Treffpunkten, kulturellen Aktivitäten und einer Vielzahl an politischen Gruppen kann nicht einfach als gegeben vorausgesetzt werden: sie bedarf nicht zuletzt solcher selbstverwalteten Wohnformen. Brechen diese weg, besteht die Gefahr, dass auch Göttingen zu einem studentisch geprägten Provinzkaff mit öde konformistischem Klima wird, wie dies in manch anderer einstmals „linken Unistadt“ schon längst geschehen ist.
Ohnehin gibt die gesellschaftliche Entwicklung auch hier wenig Anlass zum Optimismus: mit der Umstrukturierung der Universität und der Umstellung auf bachelor-Studiengänge scheinen die Zeiten passé, in denen die Uni ein Ort war, an dem sich mitunter kritisches Denken entwickeln konnte. Der zunehmende ökonomische Druck tut sein übriges, dass das Studium zu einer stupiden Zumutung gerät, die es schleunigst hinter sich zu bringen gilt: wer im vierzehnten Semester Sozialwissenschaften studiert, gilt nicht mehr als der relaxte Langzeitzeitstudent, sondern als ein anachronistisch anmutender Typ, der sich –selber schuld- demnächst mit 1Euro-Jobs rumschlagen wird. Nicht nur an der Universität selbst, sondern auch in den Häusern, die dem Studentenwerk gehören, verschärfen sich die Bedingungen zusehends.
Mehr oder weniger selbstbestimmte Wohnformen sind zwar keineswegs, wie Freiraum-RomatikerInnen einst hofften, die Vorwegnahme eines Besseren im schlechten Bestehenden. Die so beliebte Forderung nach dem „selbstbestimmten Leben“ ist im Hier und Jetzt, angesichts von Staat und Kapital, nicht einzulösen. Jedoch bieten solche Häuser zumindest die Möglichkeit, sich innerhalb dieser Verhältnisse kollektiv das Leben so „selbstbestimmt“ wie eben möglich zu gestalten. Die Vorstellungen leitender Funktionäre des Studentenwerkes zielen auf etwas anderes ab: ordentlich durchorganisiert soll das Wohnen ablaufen, mit Einzelmietverträgen und Wohnzeitbegrenzung. Eine deratige „Umstrukturierung“ wurde schon in mehreren Häusern problemlos durchgesetzt und so soll es demnächst auch mit den noch verbliebenen selbstverwalteten Häusern geschehen.
Wir begreifen dies jedoch keineswegs als einen Prozess, der sich gegen unsere Interessen und ohne unsere Zustimmung einfach so vollziehen wird. Stattdessen ist für uns dieser vermeintliche Verwaltungsakt eine politische Auseinandersetzung. Die Häuser in der Roten Straße, der Goßlerstraße, im Kreuzbergring und der Gotmarstraße würden in dieser Form nicht existieren, wären sie nicht im Zuge der Besetzung in den 70er Jahren und den folgenden Konflikten erkämpft worden. Und ebenso ist für uns klar, dass es diese Form des Zusammenwohnens zu erhalten, zu verteidigen gilt. Dabei ist eine geplante Abwicklung der derzeitigen kollektiven Wohnstrukturen keine Tatsache, die es zu akzeptieren gilt und die lediglich im Detail zu unseren Gunsten aushandelbar wäre. Jeden Eingriff in den Status Quo betrachten wir als eine qualitative Verschlechterung unserer Wohnsituation, eine Verschlechterung, die wir nicht einfach hinnehmen werden.
Die Häuser der Roten Straße 0-5, Kreuzbergring 10+12 und die Gotmar Straße 9+10 haben sich deshalb in der Kampagne „here to stay“ vernetzt. Da geht noch einiges…

19/5/07

…ihr könnt das nicht haben!

Party im Juzi
19. Mai ab 22h
Soli für den Erhalt selbstverwalteter Wohnprojekte
3 floors plus Cocktail-Bar
Ballsaal: schicke Gitarren meet Electroclash
Bar: ravige Electronica presented by Trivial Dance Suit
Keller: Shuffle Disko mit Karaoke-Buzzer

soon its gonna get started…